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Jeder Umschwung brachte seine spezifischen Filme hervor ___Interview mit Siddiq Barmak und Ingenieur Latif Ahmadi
von Sandra Schäfer

Der folgende Text ist ein Zusammenschnitt aus Interviews, die ich im Juli und im November 2004 in Kabul und Nantes mit den beiden afghanischen Filmemachern Siddiq Barmak und Ingenieur Latif Ahmadi geführt habe. (1) Ingenieur Latif Ahmadi ist zur Zeit Leiter des staatlichen Filminstituts Afghan Film, Siddiq Barmak - der Regisseur von Osama - arbeitet an seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm.

Wann wurde der erste afghanische Film gedreht?

SIDDIQ BARMAK: 1946 drehten afghanische Theaterleute den ersten Spielfilm Eshq wa dusti ("Liebe und Freundschaft"). Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Briten aus Indien abziehen. Die damalige afghanische Regierung, die den Briten inoffiziell sehr nahe stand, hatte große Angst vor den bevorstehenden Veränderungen und kündigte umfassende Reformen an. Die Gesellschaft sollte etwas offener werden

Zuvor unterlagen Gedichte, Erzählungen, Zeitungen, Magazine, Theater und Filme der Zensur des Premierministers, der ein Diktator war. In dieser schwierigen Zeit wurde eine der interessantesten politischen Inszenierungen der Gruppe "Theater der Erziehung" aufgeführt. Das Stück wurde vom Publikum gut aufgenommen, doch die Regierung veranlasste die Schließung des Theaters. Die arbeitslos gewordenen Künstler fassten daraufhin den Entschluss, einen Film zu drehen. Selbst in Kabul gab es damals nur zwei bis drei Kinos. Die afghanische Gesellschaft war immer noch sehr abgeschottet, und Afghanistan steckte in einer tiefen ökonomischen Krise. Deshalb entschieden sich die Künstler, den Film in Lahore zu realisieren. 1951 wurde die afghanisch-indische Koproduktion zum ersten Mal in Kabul im Kabul-Cinema gezeigt. Die Leute waren beeindruckt, Schauspieler in ihrer eigenen Sprache sprechen zu hören, sogar die Lieder wurden auf Dari gesungen. Die Hauptdarstellerin war eine Inderin, denn damals durften afghanische Frauen nicht in Kinofilmen mitspielen.

Nach Eshq wa dusti war es in Afghanistan für viele Jahre unmöglich, Filme zu machen. 1964 kam der erste vollständig in Afghanistan gedrehte Spielfilm Manand-e oqab ("Wie ein Adler") von Khayr Zada heraus - eine Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm. Die Hauptperson ist ein kleines Mädchen, das vom Land nach Kabul kommt, um die Unabhängigkeitsfeiern zu sehen. Sie verliert ihre Eltern im Menschengewühl, weint und sucht nach ihnen. Durch dieses Mädchen sieht man ganz Afghanistan: die Stadt, den Fortschritt. Ihr Weg dient dazu, ein Bild des neuen Afghanistan zu zeigen: die verschiedenen Handwerke, die Autoproduktion in Kabul oder die Herstellung neuer Kleider für Frauen. Plötzlich merkt das kleine Mädchen, dass es verfolgt wird, um entführt zu werden, und flüchtet.

Welche anderen Filme liefen zu jener Zeit in den Kinos?

SIDDIQ BARMAK: Vorwiegend indische Filme. Einige Kinos in Kabul, darunter das Kabul-Cinema, konnten nur Stummfilme zeigen. Diese wurden von Klavier- und afghanischer Trommelmusik begleitet. 1955 wurden die Kinos umgerüstet und bekamen Tonanlagen. Zwischen 1950 und 1967 entstanden viele Dokumentationen und Wochenschauen. Besonders der damalige Schah war an Kunst interessiert und liebte es, Filme über die königliche Familie und andere Themen Afghanistans im Kino zu sehen. Die meisten von ihnen wurden in Afghanistan gedreht und dann in den USA entwickelt. Das nahm jeweils etwa zwei bis drei Monate in Anspruch, woraufhin die amerikanische Regierung beschloss, Studios in Afghanistan für das einheimische Kino errichten zu lassen. Der Bau der Afghan-Film-Studios begann 1965 und wurde 1968 abgeschlossen. Danach konnten die Filme in Afghanistan entwickelt werden, aber das Labor war nur für die Entwicklung von 16- und 35mm-s/w-Filmen geeignet.

Wo erhielten afghanische Filmemacher ihre Ausbildung?

SIDDIQ BARMAK: Das technische Personal wurde am Poona-Institut in Indien ausgebildet. Einige interessante Filmemacher wie Khaleq A’lil, Rafiq Yahyaee und Wali Latifi haben in Moskau studiert. Wali Latifi war zum Beispiel mit Andrej Tarkowskij in einer Klasse. Ihr Lehrer war Michail Romm, einer der Meister des russischen Kinos. (2)

Einige junge Absolventen der Moskauer und indischer Filmschulen begannen 1968 mit den Dreharbeiten des dreiteiligen Episodenfilms Rozgaran ("Tage des Lebens"). Die erste Episode, Talabgar ("Der Heiratskandidat") von Khaleq A'lil, war im Stil einer typisch iranischen Komödie und die zweite Episode, Qachaqbaran ("Die Schmuggler") von Sultan Hamid Hashem, im Hitchcock-Stil gedreht. Der Polizist war natürlich der Gute und verhaftete alle Schmuggler. So konnten alle sagen: "Das Land ist sicher." Die dritte Episode, Shab-e Joma ("Donnerstagabend") (3) von Mohammad Ali Rownaq, war ein Drama mit komödiantischen Elementen - dem iranischen und italienischen Kino nachempfunden. Das afghanische Publikum liebte diese sentimentalen Filme. Es hieß: "Jetzt haben wir unsere eigene Filmindustrie." Jeder wollte etwas über den afghanischen Film wissen, in allen Zeitungen und Magazinen konnte man Artikel finden. Es war ein guter Anfang. Wir waren nicht mehr so passiv, machten unsere eigenen Filme und hatten unsere eigenen Schauspieler und Schauspielerinnen.

1971 begannen die Dreharbeiten zum Film Rozha-ye dashwar ("Schwere Tage") von Wali Latifi. Noch während der Dreharbeiten (1973) kam es zu einem Staatsstreich durch Ex-Premier Daoud. (4) Der König wurde abgesetzt. Das Drehbuch von Rafeeq Yahyahi basierte auf dem Roman Hakem (Der Gouverneur) von Shafieh Rahgozar. Der Leiter einer Bezirksregierung erhält den Auftrag, in eine ländliche Gegend zu gehen, um dort dem lokalen Machthaber beizubringen, dass weder das Land noch seine Bewohner seine persönlichen Besitztümer sind. Er will ihm vermitteln, dass es ein Gesetz gibt, welches die Rechte der Bewohner und die Besitzfrage regelt. Doch der Machthaber will den Leiter der Distriktregierung umbringen lassen. Rückblickend ist natürlich klar, dass es hier um den Kampf zweier antagonistischer Systeme ging: Modernität und Feudalismus. Er hatte viele sozialistische Ideale, von denen in diesem Film aber nichts zu spüren war, eher das Gegenteil. Das Poster zu diesem Film hing überall in der Stadt, auf Autos, Bussen und Werbeflächen. Auf ihm stand geschrieben, dass das afghanische Kino den Tag seiner Geburt feierte.

1973 sah ich den Film Andarz-e madar ("Der Rat der Mutter") mit meinem Vater im Ariana-Kino, ein Familiendrama über ein Mädchen in Kabul, das mit einem jungen, intelligenten afghanischen Mann verlobt ist, der außerhalb von Afghanistan seine Ausbildung beendet. Die Frau wartet sehr lange auf die Rückkehr ihres Verlobten. Während eines Picknicks begegnet sie einigen merkwürdigen Männern und wird schließlich von einem von ihnen vergewaltigt. Sie hat Angst, es ihrem Verlobten zu sagen, und nimmt eine Abtreibung vor.

Der Film spielte im alten und im neuen Teil der Stadt. Alles Schlechte passierte im alten Teil und alles Gute im neuen Teil der Stadt. Es war ein typisches Melodram von Khaleq A'lil, einem weiteren Absolventen der Moskauer Filmschule.

Wann entstanden die ersten privaten Produktionsfirmen in Afghanistan?

SIDDIQ BARMAK: Einer der bekannten Schauspieler, Mohammad Nazir, gründete 1973 die erste private afghanische Filmproduktion Nazir Film. Er stand sehr unter dem Einfluss von Filmen wie Cleopatra (1963) oder The Fall of the Roman Empire (Der Untergang des Römischen Reichs, 1963). Also sammelte er 100.000 US-Dollar - das war sehr viel Geld für das afghanische Kino damals -, um mit anderen jungen talentierten Filmemachern den Historienfilm Rabia-e Balkhi ("Rabia aus Balkh") zu drehen.

Der Film handelt von der bekannten afghanischen Dichterin Rabia aus der Provinz Balkh. Nazir entwarf viele historische Kostüme, eine insgesamt interessante Ausstattung und besorgte tausend Pferde und Reiter. Während der Dreharbeiten wurde mehrmals die Regieführung gewechselt, was man dem Film anmerkt. Er kam 1974 in die Kinos und wurde ein Flop. Niemand hatte Erfahrung mit historischen Filmen, deswegen wurde der Film auch so teuer. Nazir litt sehr unter diesem Misserfolg. Er bekam Krebs und starb.

Welche Rolle spielte NAZIR FILM für das afghanische Kino?

SIDDIQ BARMAK: Für viele Schauspieler und Schauspielerinnen bedeutete der Film Rabia-e Balkhi den Beginn ihrer Karriere; einer davon ist der später sehr populär gewordene Schauspieler Salam Sangi. Sogar Latif Ahmadi lernte während der damaligen Dreharbeiten das Filmemachen, er studierte damals an der Polytechnischen Universität. Ein Jahr nach der Fertigstellung des Films gründeten er und einige Freunde Ariana Film (1975). Die jungen Männer spürten, dass das Land sich veränderte, denn Präsident Daoud (1973-1978) wollte wirkliche Reformen in Afghanistan durchführen. Er liebte das Kino. Er wollte alles kontrollieren, aber gleichzeitig war er sehr offen und reformwillig; zu sehr vielleicht. Er beendete die engen Verbindungen mit der Sowjetunion und baute Beziehungen zu anderen Ländern wie Iran und Pakistan auf.(5) Lange Zeit hatte er den Russen sehr nahe gestanden.
Einige Parlamentsmitglieder der Demokratischen Volkspartei Afghanistan (DVPA) hatten sehr gute Kontakte zur KPdSU. Aber später wollte Daoud eine Annäherung an die westlichen Staaten. Viele Länder wie zum Beispiel der Iran und Saudi-Arabien versprachen ihm für die Durchführung seiner Reformen Geld. Natürlich wollte er ihnen zeigen, mit wieviel Talent im Kino, in der Kunst, an den Hochschulen oder in der Wirtschaft wir ausgestattet sind. Die Regierung Daoud Khan verfolgte im kulturellen Bereich sehr zielgerichtet die Entwicklung eines afghanischen Nationalismus. Damals arbeiteten in unserem Land nur sehr wenige Ausländer, viele große Projekte wurden allein von Afghanen durchgeführt.

Private Produktionsfirmen wie Nazir Film und Ariana Film wurden im Zuge dieser Reformen gegründet. Ariana Film entwickelte interessante Werbekonzepte. Im Kino wurden vor dem Hauptfilm Wochenschauen und kleine Werbefilme zum Beispiel mit dem Slogan "Lasst uns Coca Cola trinken" gezeigt. Zwei Buzkashi-Teams (6) ritten um die Wette. Am Ende hoben sie eine Flasche Cola auf und tranken sie genussvoll aus. Es war das erste Mal, dass in Afghanistan solche Werbespots gezeigt wurden, und alle liebten sie. Latif Ahmadi war sehr talentiert, wenn es um Spezialeffekte ging. Er hatte zum Beispiel eine alte IMO-Kamera aus dem Zweiten Weltkrieg, mit der er Einzelbildaufnahmen machen konnte. Er entwickelte Animationen für afghanische Werbefilme, zum Beispiel für Schuhe, die im Haus herumspazierten. Daraufhin sagte das Publikum: "Oh mein Gott, wir haben so begabte Filmemacher! Wir können alles machen."

1976 wurde Latif Ahmadis erstes Drehbuch Mojassamaha mikhandand ("Die lachenden Statuen") verfilmt. Toryalay Shafaq übernahm die Regie und Latif Ahmadi die Kameraführung. Der Film zeigt das Schicksal eines Künstlers, der - verstrickt in die Liebe zu einer Frau - die Grenzen der Kunst überschreitet. Die Statuen, die er meißelt, sind für eine Schieberbande, die mit ihrer Hilfe Haschisch und Heroin aus dem Land herausschmuggeln will. Ariana Film stellte diesen Film auf dem Teheraner Filmfestival vor, auf dem erstmals afghanische Spielfilme gezeigt wurden. Natürlich wurden zur gleichen Zeit auch einige afghanische Dokumentarfilme präsentiert, beispielsweise Afghan Kirgis in Pamir auf dem New Yorker Filmfestival 1976. Anschließend drehte Abbas Shaban, der Regie in Poona (Indien) studiert hatte, den Film Siamoy wa Jalali ("Siamoy und Jalali") nach einer Erzählung von Latif Ahmadi - eine Romeo- und Julia-Geschichte, die vor achtzig Jahren in Herat spielte. Es war der erste afghanische Farbfilm, und man musste ihn für die Filmentwicklung ins Kopierwerk nach Pakistan schicken. 1979 wurde der Film nach vielen Schwierigkeiten endlich in Afghanistan gezeigt.

1976 wurde mit dem Aufbau von Fernsehsendern begonnen.(7) Präsident Daoud starb jedoch, noch bevor das Fernsehen seine Arbeit aufnehmen konnte.(8) Die Führer der regierenden Demokratischen Volkspartei nutzten das Fernsehen in den folgenden Jahren vornehmlich für Propagandazwecke. Die Produktion von Fernsehfilmen wurde 1978/79 aufgenommen.
Nach dem Amtsantritt von Taraki (1978) wurden keine US-amerikanischen Filme mehr gezeigt, sondern lediglich indische Filme und auch nur dann, wenn in ihnen die Bauern im Kampf gegen die Großgrundbesitzer siegten. Taraki, der Generalsekretär der Demokratischen Volkspartei, wurde jedoch bereits 1979 im Auftrag seines Parteifreundes und Rivalen Amin umgebracht. (9) Als dieser die Macht übernahm, wollte er allen beweisen, dass er so liberal wie Tito in Jugoslawien war und sich von Moskau nichts vorschreiben ließ. Amin hatte in den USA studiert und änderte sogar die Farbe der Taxis in Kabul von schwarz-weiß in gelb. Er führte ein Gesetz ein, das die Vorführung amerikanischer Filme erlaubte, und natürlich waren die Kinos voll mit Leuten, die diese Filme sehen wollten.

1978 wurde der Kinofilm Ghulam-e eshq ("Sklave der Liebe") unter der Regie von Toryalay Shafaq gedreht. Der Hauptdarsteller war Schah Jahan (»König der Welt«), ein afghanischer Schauspieler mit einem überaus interessanten Gesicht, eine legendäre Figur. Heute lebt er in den USA. Ghulam-e eshq handelt von einem Mann, der Widerstand gegen einen Feudalherren leistet. Die Familie des Khans, die in der Stadt lebt, kommt zu Besuch aufs Land, wo die Tochter des Khans sich in den Widerstandskämpfer verliebt. Sie sucht nach einer Versöhnung zwischen dem Widerstandskämpfer und dem Khan, zwischen dem Helden und ihrem negativ gezeichneten Vater. Der Film wurde zeitgleich mit dem Einmarsch der Russen in Afghanistan fertig gestellt.

Das neue Regime setzte alles daran, die Dinge in Afghanistan zu ändern, und wollte im Kino vor allem revolutionäre Bauern und Arbeiter sehen. (10) Die Demokratische Volkspartei war stark von der marxistisch-leninistischen Ideologie beeinflusst. Ihr Ziel war die vollständige Kontrolle von Kunst, Kino und Theater, und auch der Film Ghulam-e eshq sollte nachträglich geändert werden. Der Zensurbehörde gefiel das Grundmotiv, dass der Held ein Bauer war, der gegen den Khan und somit gegen den Feudalismus kämpfte. Sie kürzte jedoch den Film um den zweiten Teil, in dem der Held in die Stadt kommt, wo er neue Dinge sieht und sich weiter entwickelt. Den Film ließen die Zensoren jedoch mit einer Szene enden, in welcher der Held auf den Khan schießt, und sie behaupteten, dass es eine Fortsetzung geben würde, in der die Bauern im Dorf schließlich über die Feudalherrschaft siegen würden. Dieser zweite Teil wurde allerdings nie realisiert. Das war der Auftakt für eine umfassende Zensur in Afghanistan.

Wie funktionierte die Zensur?

SIDDIQ BARMAK: Es gab ein spezielles Zensurkomitee, das aus Parteimitgliedern, Regisseuren, Autoren und Journalisten bestand. Sie lasen die Drehbücher und entschieden über die Zulassung, nachdem die Filme bereits fertig waren. Es gab den Befehl, dass alle Kinos in Kabul verstaatlicht werden sollten, was das Ende aller privaten Kinos bedeutete. Ein Unternehmer hatte zum Beispiel eine Million US-Dollar in ein Filmtheater investiert, das nun plötzlich der Regierung gehörte. Manche dieser reichen Kinobesitzer starben, andere kunstinteressierte Menschen mit Privatkapital verließen 1978 die Stadt. Es war eine schreckliche Situation und der Anfang der Flucht aus Kabul.

Die neue Regierung wollte keinerlei private Filmproduktionen dulden. Die wenigen Produktionsfirmen, die bereits ihre Zulassung erhalten hatten, waren gerade dabei, ihre ersten Filme abzuschließen. Toryalay Shafaq drehte 1978 seinen Film Jenayatkaran ("Die Kriminellen"), und Golestan-Film produzierte 1980 den Film Khana-e 555 ("Hausnummer 555") von Mehdi Doagoy. In Jenayatkaran arbeitet der Held in einer Werkstatt. Der Sohn eines Khans, ein reicher Kapitalist, vergewaltigt seine Schwester. Als der Arbeiter davon erfährt, rächt er sich und tötet den Kapitalisten. Die Leute lachten darüber, denn der Bruder war sehr arm und nahm sich doch das Recht heraus, den Kapitalisten zu töten. Khana-e 555 war ein typisch indischer Film mit Tänzen, Partys und vielen jungen Männern. Manchmal frage ich mich, warum die Zensur diesen Film freigegeben hat, denn er war weit entfernt von den Idealen der damaligen Machthaber. Wahrscheinlich weil er das neue moderne Leben propagierte.

Die russische Invasion veränderte die Menschen in Afghanistan. Sie erkannten, dass unser Land der Sowjetunion gleich gemacht werden sollte. Die Ministerien wurden in Komitees umbenannt, die Regierung und die Partei zentralisiert. Ich erinnere mich, wie Latif Ahmadi seine Firma Ariana Film schloss, weil es so schwierig geworden war, unabhängig Filme zu machen. Sogar für seinen eigenen Film Gonah ("Die Sünde", 1983), für den er das Drehbuch geschrieben sowie Kamera und Regie geführt hatte, fehlte das Geld für die Postproduktion. Die staatliche Agentur Afghan Film kaufte seinen Film und Latif Ahmadi wurde Mitglied von Afghan Film. Dann wurden die anderen privaten Einrichtungen und Firmen wie zum Beispiel Shafaq Film dicht gemacht. Sie produzierten noch einen Film, standen aber bereits zu sehr unter dem Einfluss der Partei: Eshq-e man, maihan-e man ("Meine Liebe, meine Heimat", 1982), sogar der Titel war seltsam. Alle wurden von der einzigen großen Filminstitution im Lande abhängig, von Afghan Film.

Wie konnte man in dieser Situation überhaupt noch Filme machen?

SIDDIQ BARMAK: Alles musste sich nach der Linie der Partei richten. Natürlich gab es auch ein staatliches Komitee, das für den Bereich Radio, Theater und Kinematographie zuständig war, auch für Afghan Film. Es existierten Jahrespläne, die zum Beispiel fünf Filme zu einem bestimmten Thema vorsahen, etwa zum Kampf gegen den Feind, die Mujahedin, oder zur Revolution der Frauen. Auch das Theater, Musikproduktionen, Radio, TV, Film und Zeitungen mussten diese festgelegten Themen abdecken. Alle verschlossen die Augen, denn alle mussten Geld verdienen.

Ich erinnere mich, dass Latif Ahmadi 1984 den Film Farar ("Flucht") drehte. Dieser Film gewann Preise bei Filmfestivals in Moskau, Taschkent und Kárlovyváry. Der Auftrag der Partei hatte gelautet, in dem Film die Schwierigkeiten der Flucht aus Afghanistan zu zeigen. Latif Ahmadi machte einen objektiven und realistischen Film.(11) Daher wurde auch Farar umgeschnitten und das Ende des Films nach den Wünschen der Zensurbehörde verändert. Dieses Schicksal teilten viele Filme, darunter auch ein weiterer Film von Latif Ahmadi: Sabur-e sarbaz ("Sabur, der Soldat", 1985). Der Protagonist des Filmes ist ein Kommandeur der Mujahedin, der in dieser Rolle bei den Zuschauern Abneigung erzeugen sollte. Doch durch die Wahl des sympathischen Darstellers und die Regieführung nahm seine Rolle eine Wendung. Er schlich sich in die Herzen der Zuschauer ein und gewann deren Sympathie. Ein "Bösewicht" wurde zum Helden gekürt. Aus diesem Grunde mussten einige Szenen des Filmes geschnitten werden.

Die Regierung finanzierte die Filmproduktion, und einige junge Künstler nutzten diese Möglichkeit, um Filmemacher zu werden. Es war eine gute Chance und Übung für sie, daher ignorierten sie die ideologische Seite. Junge afghanische Filmemacher erhielten damals Stipendien, um in Moskau, Taschkent, Warschau, Sofia, in der DDR oder in der Tschechoslowakei zu studieren. Einer dieser jungen Menschen war ich, der 1982 nach Moskau zum Studium ging.

Sie sind nach Ihrem Filmstudium 1987 nach Kabul zurückgekehrt. Wie hatte sich die Stadt in Ihrer Abwesenheit verändert?

SIDDIQ BARMAK: Als ich 1987 aus Moskau zurückkehrte, lebten etwa 2,5 Millionen Menschen in Kabul. Bis in die frühen achtziger Jahre hinein waren es höchstens 400.000 bis 500.000 gewesen. Die Luft war sauber, es gab nicht so viele Autos und 25 Kinos.

Die Mujahedin stellten für die afghanische und die sowjetische Regierung eine große Herausforderung dar. Die schlimmsten ökonomischen und sozialen Probleme in der Sowjetunion hingen mit dem Krieg in Afghanistan zusammen. Als Gorbatschow an die Macht kam, verkündete er die Perestroika. Diese Veränderungen in der Sowjetunion hatten auch Auswirkungen auf die Situation in Kabul.

1986 kam Dr. Najibullah an die Macht und verkündete die nationale Versöhnung. Die politische Verfolgung ließ nach, und die Filmemacher und andere Künstler konnten nun auch wieder Themen wie Liebe oder andere Fragen behandeln und nicht nur die Revolution oder die Situation der Arbeiter und Bauern. Auch damals herrschte keine vollständige Freiheit, aber zumindest nach außen hin wurde vieles liberaler. Latif Ahmadi drehte damals den Film Parandaha-ye mohajer ("Die Zugvögel", 1986). Er war sehr politisch, aber er basierte auf der Idee der nationalen Versöhnung.

Vor diesen Veränderungen, zwischen 1980 bis 1986, waren sechzehn lange Spielfilme entstanden, von denen fast alle Propagandawerke waren. Unter den jungen Regisseuren waren Jawanshir Haydari, der in Sofia und Belgrad studiert hatte, Wahid Nazari, welcher jetzt in Deutschland lebt, Musa Radmanish, Saeed Orokzai, Obaid Orokzai und Faqir Nabi. Dann wurde ein nächster Schritt der Versöhnung eingeleitet, womit eine neue Phase des afghanischen Kinos begann. In den Jahren 1987 bis 1992, als die Mujahedin an die Macht kamen, wurden verschiedene Melodramen, Detektivfilme und einige Liebesgeschichten gedreht.

Khakestar ("Asche") von Saeed Orokzai zum Beispiel handelt von einem Mensch, der seinen Verstand aufgrund von Drogen verliert. Sie zerstören seine Familie und sein sonstiges Leben. Ich erinnere mich auch an die naive und sentimentale Liebesgeschichte Hadesa ("Das Geschehen", 1986). Der Film handelt davon, wie eine Liebe an den Lebensumständen scheitert, davon, wie schwer es ist, Geld aufzutreiben, und von der Gefahr, sich mit Leuten einzulassen, die schmutzige Geschäfte machen. Das afghanische Kino befand sich im Aufwind und wurde immer professioneller. Zu den damaligen wichtigen jungen Filmemachern zählte Homayoun Marowat, der Dokumentarfilme mit viel Sinn für Humor und Poesie machte. 1992 drehte er außerhalb von Afghanistan den Film Zoghal-e sabz ("Grüne Kohle"). Leider verschlechterte sich bald die politische Situation. Dr. Najibullah wurde gestürzt und die Mujahedin übernahmen die Macht. Einige Filmprojekte wurden gestoppt und niemals fertig gestellt, weil die Regisseure oder Schauspieler flüchteten. Die wenigen, die in Afghanistan blieben und weiterhin Filme machten, waren Homayoun Paiz, Ahad Zhowand, Nour Hashim Abir, der den Film Uruj (»Der Aufstieg«, 1995) drehte, und ich. Und damit gab es niemanden mehr, der Afghan Film weiterführte.

Wurde AFGHAN FILM dann geschlossen?

SIDDIQ BARMAK: Nein, im Gegenteil, man produzierte weiter Filme. Jeder historische und politische Umschwung brachte seine spezifischen Filme hervor.
Natürlich konnten aufgrund des Krieges nicht allzu viele Filme gedreht werden, aber wir produzierten fünf Kurzfilme, zwei Fernsehfilme und 1995 neben Uruj den Spielfilm De koso sargardan ("Irrend durch die Gassen") von Ahad Zhowand. Es war der zweite Film auf Paschtu. Er handelt von einem Kind mit all seinen Wünschen und Erwartungen. Der Junge träumt von seiner verstorbenen Mutter und wünscht sich ein weißes Pferd, das für seinen verloren gegangenen Traum steht. Er kann nirgends Fuß fassen, wird dauernd ausgenutzt und zum Sündenbock gemacht. Am Grab seiner Mutter fängt er an zu weinen und beklagt seine Einsamkeit. Diese Szene symbolisiert das Schicksal des afghanischen Volkes. Der Film wurde bedauerlicherweise seinem Publikum vorenthalten, denn mit der Eroberung Kabuls durch die Taliban 1996 wurden die Türen aller Kinos geschlossen.

Sie erwähnten den Film ROZGARAN, in dem die komödiantischen Elemente an das iranische Kino erinnern. Gab es noch weitere Einflüsse des iranischen Kinos? Wo liegen die Unterschiede zwischen Iran und Afghanistan?

SIDDIQ BARMAK: Die gibt es doch nur aufgrund der politischen Grenzen und des Öls in Iran. Wir haben Gemeinsamkeiten in der Sprache, der Tradition, der Lyrik, in den Legenden und in der Mythologie. Abgesehen davon gab es eine andere Richtung des iranischen Kinos, die den italienischen oder französischen Komödien sehr ähnlich war und welche von Europa nach Arabien kam. Die Nähe zwischen italienischen, ägyptischen und iranischen Filmen ist nicht zu übersehen.

Als Kunstform, Technik und Industrie kam das Kino aus Europa, und deshalb folgten alle erst einmal demselben Weg wie das europäische Kino. Aber nachdem sie die Technik beherrschten, haben die Afghanen eine eigene Filmsprache entwickelt, so wie die Iraner. Am Anfang war diese sehr nah an den ägyptischen, italienischen und indischen Filmen. Ich erinnere mich an den großen Einfluss des indischen Musikmelodrams auf das iranische Kino der fünfziger und sechziger Jahre. Es gab viel Musik und Tanz, sogar die Geschichten waren dieselben. Dementsprechend kam es auch zu vielen indisch-iranischen Koproduktionen. Aber wenn ich über afghanische Filme wie zum Beispiel Rozgaran spreche, dann meine ich die komödiantische Ähnlichkeit mit dem iranischen Film. Das Leben der Menschen hier ist vergleichbar mit dem der Iraner, mit dem Unterschied, dass der Iran reich und unsere Gesellschaft arm war.

Seit wann gehen Frauen in Afghanistan ins Kino?

SIDDIQ BARMAK: Mein Onkel erzählte mir, dass es im Kabul-Cinema im alten Teil der Hauptstadt, der jetzt zerstört ist, in den vierziger und fünfziger Jahren einmal in der Woche Vorführungen nur für Frauen gab.

Vor 1960 gab es etwa nur vier oder fünf Kinos in Kabul. Viele Mädchen und Frauen gingen dort sogar alleine hin und saßen dann im Saal neben Fremden. Das änderte sich 1979, als die Russen kamen. Die Unsicherheit nahm zu, und die Kinos sagten ihre Abendvorstellungen ab. Die Menschen, die vom Land nach Kabul zogen, gingen zunächst gar nicht ins Kino, den Frauen war es sogar verboten. Nach etwa zehn Jahren änderte sich die Lage, so dass teilweise ganze Familien zusammen Filme anschauten und somit ein neues generationsübergreifendes Publikum bildeten.

Dass Frauen bis heute selten alleine ins Kino gehen, ist ein Nebeneffekt des Krieges. Vor einigen Jahren gab es in den Kinos noch eine Familiensondervorstellung am Nachmittag, um 17 Uhr.

Gibt es eine besondere Ausrichtung der einzelnen Kinos?

SIDDIQ BARMAK: Die meisten Kinos zeigten indische Filme, aber es gab drei Kinos in Kabul, das Ariana-Kino, das Zeynab-Kino (12) und Park-Kino, welche hauptsächlich auf europäische, amerikanische und iranische Filme spezialisiert waren. 2003 gab es zwischen iranischen Verleihern und einer unabhängigen afghanischen Organisation sowie Afghan Film eine Vereinbarung, 26 iranische Filme in Kabul zu zeigen.

Latif Ahmadi hatte die Idee, im Ariana-Kino und im Baharestan-Kino Spielzeiten speziell für Frauen einzurichten, aber unglücklicherweise will man gerade in eine kostenlose Kinovorstellung für Frauen weder Geld noch Zeit investieren. Ich halte das Einrichten einer Filmvorführung nur für Frauen für eine sehr gute Idee. In der Nähe des Frauenministeriums und des Notkrankenhauses befindet sich das ehemalige Zeynab-Kino. Ich habe der Frauenministerin, Frau Habiba, erzählt, dass es Interesse gibt, ein Kino nur für Frauen wieder aufzubauen. Meine Verleiherin in Italien unterstützt dieses Projekt. Sie sagte mir, dass dort ein Supermarkt gebaut werden soll und ein Kino mit zwei oder drei Sälen, aber das Ministerium hat das Konzept nicht verstanden. Wir suchen nach Investoren aus den USA. Wenn wir es schaffen, das Kino wieder aufzubauen, wäre das ein sehr guter Ort für ein Frauenkino.

Warum ist dieses Kino nach dem Frauennamen Zeynab benannt?

SIDDIQ BARMAK: Das ist auch der Name einer Enkelin des Propheten Mohammad, aber damit hat es nichts zu tun. Das Kino war die Idee der Frau von Präsident Daoud. Ihr Name war Zeynab. Als das Kino dann gebaut wurde, sagte man, es war die Idee der Frau des Präsidenten, also lasst es uns nach ihr benennen.

Im Bagh-e zanana (Park der Frauen) gibt es neben dem Parkgelände auch einen Bazar, der von vielen Frauen aufgesucht wird. Die Leiterin des Parks der Frauen erzählte, dass sie regelmäßig Drohanrufe erhält. Ihre Idee, Kinovorstellungen im Park zu veranstalten, hat sie zurückgestellt, um die Sicherheit des Parks für diejenigen Frauen zu gewährleisten, die das Haus - außer zum Wochenendausflug in den Park - kaum verlassen.
Heute ist man wesentlich zuversichtlicher, und die Verwaltung von Kabul geht gegen diese Art von Drohungen vor. Ich bin sehr gespannt, ob wir Unterstützung für das Zeynab-Kino erhalten.

Wie sieht die Rolle der Frauen im afghanischen Kino aus? Seit wann gibt es weibliche Regisseure?

AHMADI: Die Karriere von Frauen im Film begann 1964 in dem Film Manand-e oqab von Khayr Zada als Schauspielerinnen.

SIDDIQ BARMAK: Als Regisseurin, Drehbuchautorin oder Kamerafrau fällt mir nur die sehr bekannte Fernsehregisseurin Farida Anwari ein. Von ihr ist der Film Golden Both. Sie verfilmte auch ein oder zwei Theaterstücke. Das eine hieß Bazm-e Sultan ("Nacht der Könige") - ein sehr starkes und interessantes Stück. Sie arbeitete allerdings nicht fürs Kino. Ich erinnere mich auch an eine andere Frau, Parwin Pazjok, die als Regisseurin und Malerin 1985/1986 an der ersten afghanischen Animation arbeitete. Mittlerweile lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann in Kanada. Es gab einige Frauen, die Filmkritik, Ausstattung und Schauspielerei studierten, aber nicht Regie und Drehbuch. Ich studierte zum Beispiel gemeinsam mit Atilah Daschband. Sie machte einen Abschluss als Ausstatterin, Kostüm- und Bühnenbildnerin. Als sie mit dem Studium fertig war, wollte sie Teil von Afghan Film werden, aber die Kabuler Universität brauchte sie in der Lehre. Julia Latifi, die Tochter von Wali Latifi, graduierte am Moskauer Film-Institut als Filmkritikerin. Ich glaube, sie macht heute Werbung für Spielfilme in San Francisco.

Seit dem Ende der Taliban-Herrschaft wächst eine neue Generation von Frauen in der Filmproduktion heran. Ariana de Lavari hat mit einem Spielfilmprojekt begonnen. Natürlich gibt es inzwischen auch Kamerafrauen, wie zum Beispiel Shakiba Adil und Halima Hosseini, die an dem Dokumentarfilm Man agar barkhizam ("Wenn ich aufstehe", 2004) arbeiten. Eine dieser Frauen, Roya Sadat, ist sehr mutig. Sie drehte den Spielfilm Se noqta ("Drei Punkte", 2004) in Herat, der derzeit in der Postproduktion ist.

Welche Literatur war für Sie wichtig, als Sie mit dem Filmemachen begonnen haben?

SIDDIQ BARMAK: Ich erinnere mich, dass all diese Literatur aus dem Iran kam: Filmtechnikbücher, Einführungen zu Regisseuren, Produzenten, Kameraleuten. Natürlich gab es auch einige Bücher über Hollywood-Filme und einige russische Bücher, denn wir konnten ja Russisch lesen. Wenn es aber darum geht, was für Geschichten und Romane wir lasen, dann dienten uns vor allem Kurzgeschichten als Vorlage und Inspiration. In der hundertjährigen afghanischen Geschichte gibt es nicht mehr als zehn oder zwölf Romane. Unsere Autoren lieben Kurzgeschichten und beziehen alles in diese Geschichten ein.

Können derzeit die hiesigen Filme wieder bei AFGHAN FILM entwickelt werden?

AHMADI: Nur Schwarz-Weiß-Filme. 35mm-Farbfilm schicken wir jetzt, je nach Vertrag, nach Iran, Indien, Russland oder in andere Länder. Das ist sehr schwierig, denn der Regisseur will das Material natürlich am liebsten gleich in dem Moment sehen, in dem es gedreht wurde. Wir versuchen gerade, ein Farblabor aufzubauen. Viele Teams von außerhalb kommen hierher und drehen. Dann schicken sie das Material sofort zur Entwicklung ins Ausland, um es dann zu sichten und anschließend weiterzudrehen. Als Siddiq Barmak Osama ( 2003) drehte, schickte er sein Material einmal in der Woche (13) ins Labor nach Teheran, um dann die Muster von dort zurückzubekommen. Aber alles andere wie Schnitt, Tonbearbeitung und Postproduktion wurde bei Afghan Film gemacht. Manchmal jedoch ist es sehr gefährlich, das Material zu verschicken, wie zum Beispiel während der Revolution vor 25 Jahren, als wir sehr aufregende Szenen mit Präsident Amin gedreht hatten.

SIDDIQ BARMAK: Zwischen 1978 und 1979, als Präsident Amin an der Macht war, gab es viele merkwürdige Begebenheiten im afghanischen Kino. Präsident Amin, der gleichzeitig Generalsekretär der Demokratischen Volkspartei war, schrieb mit Unterstützung von Daoud Farani ein Drehbuch über seinen blutigen Staatsstreich und seine "besonderen Führungsqualitäten". Er selbst sollte die Rolle des Helden in dem Film Enqelab-e saur ("April-Revolution") übernehmen, und es war vorgesehen, dass auch alle anderen politischen Akteure nicht von Schauspielern dargestellt werden sollten, sondern sich selbst spielen sollten. Amin nötigte sein Kabinett und sogar seine eigene Familie dazu, ihre Erlebnisse nachzustellen. Als die Flagge aus der Zeit Daoud Khans gehisst wurde, flog über das Regierungsgebäude ein Kampfflugzeug, um eine Bombardierung zu simulieren und die Szene authentisch wirken zu lassen. Die Passanten dachten in diesem Moment, dass die Revolution ausgebrochen sei und begannen zu jubeln. Diese eine Minute kostete Dutzenden von Menschen das Leben. Sie wurden inhaftiert und anschließend hingerichtet.
Präsident Amin hatte Latif Ahmadi vorgeschlagen, für den Film Enqelab-e saur die Kameraführung zu übernehmen.

AHMADI: Ich war damals Produzent für Ariana Film, der Regisseur war Daoud Farani und der Produzent war Afghan Film. Der Film wurde zu Ende gedreht, gelangte aber nie in die Postproduktion, denn die politische Situation änderte sich erneut, als die russische Invasion stattfand. Enqelab-e saur landete im Archiv, bis auf einige dokumentarische Szenen, die ich in Farar verwendet habe.

SIDDIQ BARMAK: Es gibt einige äußerst brisante Szenen in Enqelab-e saur.

AHMADI: Wir haben einige Episoden in Jalalabad, in Kaschbik, im Darul-Aman-Palast, mit Gefangenen in Kabul und mit dem Militär gedreht. Als wir in Polikum drehten, war es, als bebte die Erde unter meinen Füßen.

SIDDIQ BARMAK: Es war eine dieser Nächte, in der sie bis in die frühen Morgenstunden hinein politische Gefangene hinrichteten. Präsident Amin war ein sehr gefährlicher Mann. Er konnte lachen und freundlich sein, aber er war einer der gefährlichsten politischen Persönlichkeiten in Afghanistan, ähnlich gefährlich wie Saddam Hussein oder George W. Bush.

AHMADI: Mindestens zehn Mal haben wir mit ihm in seinem Palast zu Abend gegessen. Er lachte, er sprach über das Kino und sagte, Ihr seid meine besten Freunde, Ihr macht einen Film für Afghanistan und für die ganze Welt. Ihr seid die Helden. Er gab sich sehr großzügig. Trotzdem bleibt Enqelab-e saur ein großartiges Zeitdokument.

SIDDIQ BARMAK: Allerdings ist das Filmmaterial von den Sowjets, genauer genommen von usbekischen Filmemachern, mitten in der Nacht aus dem Archiv gestohlen worden. Jetzt ist es an der Zeit, einen offiziellen Brief an Usbek Film oder Mos Film zu schreiben und diese Leute aufzufordern, den Film zurückzugeben. Falls es Schwierigkeiten gibt, sollten wir internationale Unterstützung einfordern - insbesondere von der FIAF, der Internationalen Organisation der Filmarchive, wo wir jetzt auch Mitglied sind.

AHMADI: In den nächsten Jahren werden wir das Material zurückerhalten, und dann wird man diesen Film endlich sehen können. Alle Menschen, die an diesem Film mitgearbeitet haben, leben noch und können über diesen Film berichten.

Wäre es für die afghanische Filmproduktion besser, wenn sie privatisiert würde?

AHMADI: Überall auf der Welt ist das Kino privat. Es gehört nicht der Regierung. Es gehört den Menschen. Doch in Afghanistan war das Kino spätestens seit den achtziger Jahren unter der totalen Kontrolle der Regierung.
Ich war vor kurzem mit Herrn Karzai in den USA und habe einen Plan für Afghan Film vorgelegt, der akzeptiert wurde und der 2005 ernsthaft in Angriff genommen werden soll. Afghan Film muss eine private Produktionsfirma werden, für alle Filmprojekte, die mit Afghanistan zu tun haben. Die Regierung oder Institutionen, welche auf der Basis von Jointventures mit Afghan Film zusammenarbeiten, sollen mit einem Anteil von maximal 49 Prozent beteiligt sein. Den meisten Filmteams, die in Afghanistan Filme machen wollen, fehlt die technische Ausrüstung. Deshalb wäre es gut, wenn Afghan Film diese zur Verfügung stellen könnte. Ich arbeite daran, dass Filmemacher, andere Länder und Investoren die Möglichkeit nutzen, mit Afghan Film zusammenzuarbeiten. Wenn wir das schaffen, wird das afghanische Kino wachsen und sich entwickeln.

Wie verbreitet sind DVD und VHS?

SIDDIQ BARMAK: Besonders CDs sind im Kommen. Es sind größtenteils Raubkopien aus China und Pakistan. Man kann DVDs sehr leicht für ein, zwei US-Dollar finden. Ich habe zum Beispiel eine Box mit Spielberg-Filmen entdeckt und für circa zehn US-Dollar gekauft. Sie haben eine phantastische Qualität. Es gibt kein Gesetz, das so etwas verbietet. Es gibt eine Menge Filme, die aus Pakistan nach Zentralasien gelangen. Und deshalb gab es Vorwürfe gegenüber Afghanistan. Wir hatten auch einige Probleme mit Fernsehsendern, die nachts Pornofilme zeigten. Dagegen wurde ein Gesetz erlassen. Wir müssen aber die demokratische Meinungsfreiheit sichern. Jeder hat das Recht, die Filme auszuwählen, die er sehen möchte.

Wie wird die afghanische Filmproduktion künftig aussehen?

AHMADI: Wie wohl für jeden ersichtlich ist, entwickelt sich Afghanistan in Richtung einer demokratischen Staatsordnung. Daher ist anzunehmen, dass es keine Behinderungen der Filmemacher geben wird. Die privaten Produktionsfirmen verfügen über eine Zulassung des Kulturministers und wir versuchen, sie zu unterstützen. Ich vermute, sobald diese Firmen erst einmal anfangen zu produzieren und es etwa einhundert von ihnen gibt, dass sich doch mindestens fünf oder zehn Filmemacher finden lassen müssten, die respektvoll mit dem Kino umgehen werden - zu Gunsten von Afghanistan und der Kinokultur als solcher. Sie sollen Filme für "unsere Leute" machen. Die Menschen in unserem Land sind nicht so gebildet, ein Großteil der Bevölkerung sind Analphabeten. Es braucht als Anreiz ein bisschen Melodram und Action. Sie brauchen weniger intellektuelle Filme. Sie könnten mit diesen Filmen nicht wirklich etwas anfangen. Sie wollen nicht ins Kino gehen, um ihr Leben noch einmal auf der Leinwand zu sehen. In Afghanistan gibt es im Moment zwei Modelle des Filmemachens: auf der einen Seite die privaten Filmproduktionen, die Spielfilme für das afghanische Publikum machen, und auf der anderen Seite diejenigen, die Kino um des Kino willens machen, Kino für die Welt, für Festivals, um Afghanistans wahres Gesicht zu zeigen. Auf der einen Seite handelt es sich um Magie und auf der anderen Seite zwar nicht um hundertprozentige Realität, aber schon um einen gewissen Realismus.

In Afghanistan gibt es eine Distanz zwischen dem Denken der Menschen und dem Film, was man besonders am Beispiel Osama sehen kann. Die meisten Menschen in Afghanistan haben den Film gesehen. Wir haben ihn hier etwa fünfmal im Kino gezeigt, aber es gibt auch DVD-Kopien. Der Film Osama ist aus der Perspektive der Fremden und weniger aus der von Afghanen gemacht. Das afghanische Publikum mag es nicht, wenn die Schauspieler etwas Negatives sagen. Der Regisseur muss die Dinge sehr klar benennen, aber die Zuschauer akzeptieren das nur ungern.

Welche Kritik gibt es an dem Film?

AHMADI: In Afghanistan gibt es viele Menschen, die Paschtu sprechen, aber sie sind nicht akzeptiert, weil die Taliban in den paschtunischen Gebieten ihre Hochburg hatten. Die Mehrheit der Taliban und der Al-Qaida-Anhänger kommen eigentlich aus Pakistan. Man sagte dem Film Osama nach, gegen die Paschtunen gerichtet zu sein. (14) Der Regisseur hatte allerdings nie eine diskriminierende Absicht. Aber es war wirklich so, dass die Taliban von den Paschtunen abhängig waren. Viele Paschtunen lebten in Pakistan, und die Taliban wurden in Pakistan ausgebildet. Aber es ist etwas in Afghanistan passiert, das alles verändert und den Menschen ihr Leben zurückgegeben hat.

  1. Ein weiteres Gespräch mit Siddiq Barmak über die Geschichte des afghanischen Kinos erschien 2001 unter dem Titel Without cinema there is no sense in living in der Zeitschrift Film international.
  2. Michail Romm drehte 1965 den Dokumentarfilm Obyknowenny Faschism (Der gewöhnliche Faschismus) (Anm. d. Hrsg.).
  3. Samstagabend nach der christlichen Zeitrechnung (Anm. d. Hrsg.).
  4. Mohammad Daoud Khan hatte bereits zwischen 1953 und 1963 unter Zaher Schah die Regierungsgeschäfte geführt. 1973 übernahm er erneut mit Hilfe des Militärs die Macht, und Zaher Schah ging ins Exil nach Rom. Daoud ließ die "Republik Afghanistan" ausrufen und 1977 eine neue Verfassung verabschieden (Anm. d. Hrsg.).
  5. Daoud galt als enger Freund des 1953 von den USA durch einen Staatsstreich im Iran eingesetzten Schahs Reza Pahlavi (Anm. d. Hrsg.).
  6. Buzkashi: Nationalsport in Afghanistan, bei dem zwei gegnerische Mannschaften um die Wette reiten, um den Körper einer enthaupteten Ziege von einer markierten Stelle zu einer anderen zu bringen (Anm. d. Hrsg.).
  7. Mit Hilfe Japans wurde 1976 der Aufbau eines Fernsehstudios in Kabul unterstützt. Auch heute fördert Japan den Fernseh- und Filmbereich in Afghanistan (Anm. d. Hrsg.).
  8. Daoud wurde 1978 in der so genannten Saur-Revolution, einem Putsch der DVPA, getötet und von Nour Mohammad Taraki als Präsident abgelöst (Anm. d. Hrsg.).
  9. Hafizullah Amin war bereits unter der Regierung von Taraki zum eigentlichen Herrscher in Afghanistan geworden, was aufgrund seiner Distanz zur Sowjetunion zu Interventionen aus Moskau führte. Als ein von Moskau lancierter Coup gegen Amin misslang, ernannte er sich selbst zum Präsidenten und ließ Taraki ermorden. Um den Brückenkopf Afghanistan nicht zu verlieren, besetzte die Sowjetunion im Dezember 1979 das Land, womit der Afghanistankrieg (1979-1988) begann, der etwa 1 bis 1,7 Millionen Tote forderte. Amin wurde gleich zu Beginn der Invasion erschossen (Anm. d. Hrsg.).
  10. Zwischen 1980 und 1986 führten Babrak Karmal und die DVPA offiziell die Regierungsgeschäfte (Anm. d. Hrsg.).
  11. Bei der Vorführung des Films Farar während des Festivals Kabul/ Teheran 1979ff in Berlin gab es zu dieser Frage eine hitzige Diskussion (Anm. d. Hrsg.).
  12. Zum Zeitpunkt des Interviews noch zerstört (Anm. d. Hrsg.).
  13. Zwischen Kabul und Teheran gibt es einmal in der Woche eine Flugverbindung durch "Ariana Air" (Anm. d. Hrsg.).
  14. Einige der Taliban-Darsteller in Osama sprechen im Film Paschtu (Anm. d. Hrsg.).

Übersetzung aus dem Englischen: Alexandra Weltz