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SPLICE IN / SECOND TAKE

Das Projekt SPLICE IN wurde von den beiden Filmemacher_innen Sandra Schäfer und Elfe Brandenburger initiiert. Es umfasst die Produktion des Films Passing the Rainbow sowie ein Filmfestival, das zunächst in Kassel, Berlin und Hamburg gezeigt wurde und anschließend unter dem Namen SECOND TAKE in Kabul eine Fortsetzung fand. Die Webpage gewährleistet über den Festivalzeitraum hinaus den Zugriff auf inhaltliche Beiträge sowie weiterführende Texte und Videoclips.

SPLICE IN ist ein Begriff aus der Filmmontage. Er bezeichnet das Einfügen eines Teils in eine bestehende Sequenz, ohne dabei etwas anderes zu überschreiben. In Folge verändert sich die Dramaturgie. Die Möglichkeit in bestehende Verhältnisse einzugreifen und die Methoden, die hierzu angewandt werden, stehen im Zentrum des Projektes.
SPLICE IN greift ein in die Repräsentation von Geschlechterverhältnissen, indem es lokale filmische und politische Praxen vorstellt und mit Strategien in den Nachbarländern Iran und Indien sowie Europa zusammenführt.
SPLICE IN kontrastiert nationale Identitätspolitik durch lokale Arbeitsweisen in spezifischen sozialen und politischen Kontexten.
SPLICE IN fokussiert nicht die biologische Kategorie "Frau", sondern analysiert das Verhältnis von Geschlechterbeziehungen - auch wenn wir in dem geschlechterbinären Gesellschaftssystem Afghanistans den Terminus "Frau" verwenden.
SPLICE IN schafft Korrektive durch Kooperationen.

Ausgangspunkt von SPLICE IN waren die Dreharbeiten des Films Passing the Rainbow von Sandra Schäfer und Elfe Brandenburger. Der Film beschäftigt sich mit Strategien, die rigiden Geschlechternormen in der afghanischen Gesellschaft zu unterlaufen: auf der Ebene filmischer Inszenierungen, in der politischen Arbeit sowie im Alltag. Passing the Rainbow ist in enger Kooperation mit Schauspieler_innen, Regisseur_innen und Aktivist_innen in Kabul entstanden. Sandra Schäfer und Elfe Brandenburger zeigen Ausschnitte aus Filmen der afghanischen Filmgeschichte, begleiten die Schauspieler_innen bei Dreharbeiten und inszenieren gemeinsam neue Szenen. Die enge Zusammenarbeit ist angelegt als ein Korrektiv vereinfachender westlicher Projektionen. Sie beleuchtet die Konstruktion von Repräsentation. Wechselwirkungen und Widersprüche zwischen Bildern, realen Lebensbedingungen und Wunschvorstellungen werden sichtbar.

Aus der Arbeit am Film ist das Filmfestival SPLICE IN zu Gender und Politik in Afghanistan, seinen Nachbarländern und Europa hervorgegangen. SPLICE IN greift als Film- und Diskussionsprogramm in hegemoniale Diskurse ein, indem es lokale sowie historische Perspektiven und Erzählweisen einschiebt. Ein Schwerpunkt hierbei liegt auf den spezifischen politischen Themen, die die Filmemacher_innen wählen und wie sie diese repräsentieren, um in die lokale und internationale Repräsentationspolitik einzugreifen. Die Situation der Frauen in Afghanistan wird immer wieder als Argument für Interventionen und Funktionalisierungen durch die internationale wie lokale Politik angeführt. Dieser Praxis hält das Festival SPLICE IN lokale Initiativen von Filmemacher_innen, Schauspieler_innen und Frauenorganisationen entgegen, deren politische Arbeit teilweise weit vor die Taliban-Zeit zurückreicht und auch aus dem Exil geführt wurde. Wenn wir im Rahmen von SPLICE IN den Terminus "Frau" verwenden, gehen wir nicht von Biologismen aus, sondern interessieren uns im Rahmen der Konstruiertheit von Geschlecht dafür, wie Geschlechterverhältnisse in Afghanistan gesellschaftlich hervorgebracht werden und welche politischen Methoden verwendet werden, um diese zu verschieben bzw. zu durchqueren. Hierin erweitert SPLICE IN den Fokus auf Konflikte in den Nachbarländern Iran und Indien sowie Europa.

Das Filmprogramm SPLICE IN ist im Gegensatz zu einigen derzeit im Westen populären Afghanistan-Veranstaltungen weder ein Länderprogramm, noch möchte es den beliebten "authentischen" Innenblick bemühen, der allein dazu in der Lage sein soll, die "Wahrheit" über das Land am Hindukusch für ein westliches Publikum aufzudecken. Diese aufklärerische Funktionalisierung mittels nationaler Identität ist in letzter Konsequenz positiv rassistisch.

Das Festival SPLICE IN ist eine Kooperation mit unterschiedlichen lokalen Produzent_innen. Es fand im November/Dezember 2007 im Rahmen des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofests sowie in Berlin im Kino Arsenal und in Hamburg im Kino Metropolis statt. Im April 2008 wurde SPLICE IN in enger Kooperation mit CACA-Kabul und Afghan-Film unter dem Titel SECOND TAKE über sechs Tage in Kabul fortgesetzt. Lokale Initiativen in Kabul planen das Festival SECOND TAKE in einem zweijährigen Rhythmus fortzuführen.

Teil des Festivals in Kabul im April 2008 war das Seminar Frauenbewegungen stärken: Nationale und Transnationale Erfahrungen, das in Zusammenarbeit mit Armanshahr Foundation/OPEN ASIA und CACA-Kabul entstand. Zu diesem Seminar waren Frauen­recht­ler_innen und Theoretiker_innen aus Afghanistan, Indien und Iran eingeladen. Im Seminar wurden politische Erfahrungen zwischen Frauen­rechts­aktivist_innen, Politiker_innen, Journalist_innen, Anwält_innen und Filmemacher_innen ausgetauscht und Hand­lungs­möglichkeiten diskutiert. Am Vormittag fanden Panels zur Zivilgesellschaft und der Rolle von Frauengruppen in Afghanistan zwischen internationalen Hilfsgeldern, lokalen NGOs und politischem Aktivismus statt, und es wurde über muslimische Frauenrechtsarbeit in Indien und aktuelle Frauenrechtsaktionen in Iran diskutiert. Im Nachmittagsprogramm war der Dokumentarfilm Nari Adalat ("Frauengerichte") von Deepa Dhanraj aus Bangalore zu sehen. Ein abschliessendes Panel stellte insbesondere die Einflußnahme internationaler Hilfsorganisationen auf lokale NGOs und lokalen Frauenrechtsaktivismus in Afghanistan zur Debatte.

Die mehrsprachige Webpage zu SPLICE IN / Second Take umfasst Textbeiträge der Referent_innen, weitere Texte und Interviews mit Spezialist_innen aus Afghanistan, Iran und Deutschland sowie kurze Videoclips der Filmgespräche. Als Dokumentation des Gesamtprojektes SPLICE IN reflektiert sie die Einzelprojekte, führt verschiedene inhaltliche Stränge und Sichtweisen zusammen und macht unterschiedliche Rezeptionen des Festivals sichtbar. So wird etwa ein Artikel des afghanischen Filmkritikers Ali Mohammed Karimi durch einen Text des Berliner Filmkritikers Bert Rebhandl ergänzt. Neben Text- und Videobeiträgen zum Thema "Film und Gender" wird ein inhaltlicher Schwerpunkt auf "Gender und Aktivismus" gelegt. Hier wird das Verhältnis von genderspezifischer Arbeit zwischen internationalen Hilfsgeldern und lokalem politischem Aktivismus in Afghanistan beleuchtet. Die Filmemacherin und Frauenrechtsaktivistin Deepa Dhanraj analysiert die Vereinnahmung feministischer Begriffe durch religiöse Fundamentalisten und neoliberale ökonomische Reformen in Indien. Die ebenfalls aus Indien stammende Frauenrechtsaktivistin Sharifa Khanam stellt ihre langjährige Arbeit im Netzwerk muslimischer Frauen Tamil Nadu vor, das seinen Schwerpunkt auf die Rechtsberatung von Frauen legt und in das hierarchische und frauenfeindliche System der männlichen muslimischen Föderation interveniert. Im Beitrag New Feminist voices in Islam widmet sich die Filmemacherin und Soziologin Ziba Mir-Hosseini der politischen Arbeit muslimischer Feminist_innen, die sich zunächst von dem doppelten Vorwurf, kolonialistisch und antinationalistisch zu sein, befreien mussten.

Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes


Postkarte zum Fimfestival SPLICE IN


Filmplakat Passing the Rainbow


Plakat zum Filmfestival in Kabul