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mazefilm film & gender - politics

Link zu Splice In / Second Take

Filmfestival zu Gender und Politik in Afghanistan,
seinen Nachbarländern und Europa

Arsenal Kino, Berlin
22.11.-26.11.07

SPLICE IN ist ein Begriff aus der Filmmontage. Er bezeichnet das Einfügen eines Teils in eine bestehende Sequenz, ohne dabei etwas anderes zu überschreiben. In Folge verändert sich die Dramaturgie. SPLICE IN als Filmprogramm greift in bestehende Diskurse ein, indem es andere Perspektiven einschiebt.

In der kurzen Geschichte des afghanischen Kinos stehen seit 2001 erstmals auch Frauen hinter der Kamera. Ihre filmische Arbeit ist zugleich eine politische, in der sie die gegenwärtige Situation reflektieren und kritisieren sowie sich für den künftigen Status von Frauen in der afghanischen Gesellschaft engagieren. Die Übernahme politischer Mandate, die Abschaffung von Zwangsheirat, die Kritik an traditionellen Familienstrukturen oder das Vorgehen gegen Korruption bilden Themen ihrer Filme.

Dem immer wieder instrumentalisierten Thema "Frauen und Afghanistan" stellt das Festival SPLICE IN lokale Initiativen von FilmemacherInnen, Schauspielerinnen und Frauenorganisationen gegenüber, deren politische Arbeit teilweise weit vor die Taliban-Zeit zurückreicht und auch aus dem Exil geführt wurde. Diese Perspektiven werden mit internationalen Kooperationen und Filmen aus den Nachbarländern Iran und Indien über vergleichbare politische Anliegen zusammengeführt. So dokumentiert z.B. der indische Film Nari Adalat ("Frauengerichte") der Filmemacherin und Feministin Deepa Dhanraj eine aus Selbstinitiative hervorgegangene alternative Rechtsform, die in bestehende hierarchische Rechtsstrukturen interveniert.

Neben aktuellen Dokumentarfilmproduktionen, abendfüllenden Spielfilmen und einem kurzen Aufklärungsspielfilm wird erstmals der historische Spielfilm Talabgar ("Der Heiratskandidat") von Khaleq Alil aus dem Archiv von Afghan Film in Deutschland zu sehen sein. Talabgar und der 2006 von Wazmah Osman und Kelly Dolak gedrehte Dokumentarfilm Postcards from Tora Bora geben beide Einblick in Lebensweisen der oberen Mittelschicht im Kabul der 60er und 70er Jahre. In Postcards from Tora Bora werden Erinnerungen und Träume der aus dem US-Exil zurückkehrenden Filmemacherin durch Animationen ersetzt.

Die derzeitigen Produktionsbedingungen insbesondere für Frauen im Bereich Film und Fernsehen werden in einer Gesprächsrunde mit FilmproduzentInnen aus Afghanistan diskutiert. Noch mehr als ihre männlichen Kollegen sind die Frauen dem sozialen Druck traditioneller Familienstrukturen und fundamentalistischen Anfeindungen ausgesetzt. In der gegenwärtigen Wiederaufbauphase sind zudem westliche Hilfsorganisationen ein bestimmender Faktor der afghanischen Filmproduktion geworden. Neben einigen privaten Produktionsfirmen zählen sie zu den wichtigsten Geld- und Auftraggebern. Hierbei stellt sich die Frage, ob und wie sie auf die inhaltliche Gestaltung der Drehbücher Einfluss nehmen, und welche Werte sie damit zu implementieren versuchen.

Mit dem 2007 in Berlin gedrehten Film "Such a strange time it is, my dear ..." von Mira Habibi spannt sich der Bogen über den Iran nach Deutschland: Frauen, die nach der iranischen Revolution 1979 in der feministischen oder linken Szene aktiv waren, flohen Anfang der 80er Jahre nach den brutalen islamischen Säuberunsgaktionen nach Berlin. Die Interviewten sprechen über ihr Verhältnis zu politischer Arbeit, Sexualität und Flucht. In einem Doppelprogramm mit "Such a strange time it is, my dear ..." wird der 1979 gedrehte Film Le mouvement de libération des femmes iraniennes - année zéro der französischen Gruppe Politique et Psychoanalyse gezeigt. Der Film dokumentiert die ersten Proteste gegen das sich neu etablierende Regime im Iran: Tausende von Frauen protestierten gegen das am Abend des 7. März von Religionsführer Khomeini erlassene Dekret zum Kopftuchzwang. In diesem raren Dokument kommen junge, ältere, laizistische, einige religiöse Frauen und auch die amerikanische Feministin Kate Millett zu Wort.

Als Auftakt des Festivals wird der 2006 gedrehte Film Kabul Transit gezeigt, der den widersprüchlichen Alltag internationaler und lokaler Akteure in der Millionenmetropole Kabul dokumentiert. Die Filmemacherin und Soziologin Maliha Zulfacar, derzeit afghanische Botschafterin in Berlin, wird zu Gast sein und ihren Film präsentieren.

Das Filmprogramm SPLICE IN wurde zuvor im Rahmen des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest präsentiert und wird im Anschluss an Berlin in Hamburg (Kino Metropolis: 28.11.-06.12.2007) zu sehen sein. Den Abschluss bildet Kabul Ende April 2008.



Park der Frauen frühmorgens, Foto: Elfe Brandenburger


Eingang zum Park der Frauen in Kabul, Foto: Elfe Brandenburger


Se nouqta "Drei Punkte" von der afghanischen Regisseurin Roya Sadat (2004/AF)